Auslaufboxe reicht doch für den! – Oder doch nicht?

Die Pferdehaltung hat sich in den letzten Jahren wirklich positiv verändert & wurde immer mehr zum Vorteil der Pferde gedreht. Doch noch immer gibt es viele Pferde, die in relativ kleinen Boxen hausen. «Ach, der kommt doch tagsüber raus.»

«Der braucht das so, sonst ist der zu faul beim Reiten.»

«Der kann sich doch auf seinem Paddock bewegen.»

«Der kennt das nur so.»

«In einer Gruppe kommt der nicht zurecht.»

Das sind dann oft die Standartsätze welche gebraucht werden, um diese Haltung zu rechtfertigen. Wirklich lange war ich auch eine dieser Reiterinnen. Mein Pferd stand in einer, mit dem Standard verglichen, wirklich grosszügigen Auslaufboxe & durfte bei gutem Wetter natürlich auf die Weide. Nach Möglichkeit mit einem Kumpel, aber meistens alleine, da die Anderen die Verletzungsgefahr für zu gross hielten. Viele Jahre habe ich zwar gewusst, dass das nicht das Beste ich, was ich meinem Pferd bieten kann, habe jedoch damit gelebt, weil ich dachte: «So schlimm ist das gar nicht, der fühlt sich wohl.»

Das er sich zu wenig bewegt, manchmal dicke Beine hat vom Stehen & wahrscheinlich nicht so viel zu tun hat den ganzen Tag war mir schon bewusst, doch das habe ich weit in den Hinterkopf verdrängt. Denn das machen doch alle so & deren Pferde sind auch zufrieden!

Hinzu kommt, dass mein Pferd ein soziales Antitalent ist. Er wurde mit der Flasche aufgezogen & – ach du meine Güte – das merkt man gut! Er ist/war ein kleiner Sheldon. Verstand die anderen Artgenossen manchmal nicht, wusste nicht wie reagieren, hat sich überhaupt nicht getraut mal für sich einzustehen & hatte demnach ganz ganz schnell die Hosen voll. In meinen Augen also ganz klar kein Gruppenpferd, der würde untergehen! Oder?

Seine Verletzungspause & damit verbundene «Reit- & Trainingsstopp» haben mich zum Umdenken angeregt. Nach einem Monat Schrittführen wurde sogar mein ruhiges, ausgeglichenes Eselchen zu einem nervigen «Etwas». Auf der Weide ist er gerannt wie ein Irrer & spazieren führen wurde ein richtiges Abenteuer. Da ich wusste, dass dies noch mindestens 5 Monate, wenn nicht sogar länger, so weitergehen würde, musste ein Plan B her.

Ich suchte also nach Winterweiden in meiner Umgebung. Denn zu weit weggeben wollte ich mein Baby nicht. Ach & überhaupt! Der würde doch nie & nimmer überleben so ganz ohne mich in einer Pferdeherde.

Tja – falsch gedacht Mutti! Zu meinem Glück meldete sich eine Freundin von mir, welche ihre Pferde seit kurzem bei ihrem neuen Freund auf dem Bauernhof hat. Nichts Schickes, kein Luxus, keine Infrastruktur, doch meine Güte haben diese Pferde viel Platz! Zu diesem Zeitpunkt bildeten ihre drei Kleinpferde und drei Shetlandponys die Gruppe. Ich bin mir den Stall ein paar Mal angucken gegangen. Überlegte hin. Und her. Und hin. Und her.

«Die Liegefläche ist zu klein..»

«Was, wenn er sich nicht wohlfühlt?»

«Was, wenn die anderen Pferde ihn nicht mögen?»

«Was, wenn er die anderen Pferde nicht mag?»

Viele Gründe uns Ausreden sind mir eingefallen, warum mein Pferd doch nicht in eine Gruppe sollte. Doch am Ende dachte ich mir: No risk no fun, wenn es nicht klappt, steht er schnell wieder im Hänger.

Und so brachte ich meinen Dicken in den Gruppenstall.

Und es klappte von Anfang an super! Die Pferde haben meinen kleinen Sheldon gut aufgenommen, brachten ihm die wichtigsten Verhaltensweisen bei, liessen ihn Teil ihrer Truppe werden. Zu meiner Überraschung schien das Leo auch immer mehr zu gefallen. Er blühte richtig auf! Anfangs traute er sich nicht an die Anderen ran, mittlerweile schläft er (Randbemerkung: Er schlief sehr schlecht in der Auslaufboxe!! Wir dachten bereits er hat Neurolepsie, da er oft einsackte & sich ständig die Fesseln aufschlug!) während seine Freunde um ihn rumstehen oder auch liegen. Er traut sich an die Heuraufe. Er spielt mit den Ponys & traut sich ganz nahe an die anderen Genossen ran. Das alles in fünf Monaten!

Klar gibt es Nachteile. Gerade wenn man im Sport reiten möchte, ist es nicht ganz so einfach mit dem Scheren und Eindecken. Die Pferde sind logischerweise dreckiger und sehen nicht mehr so schick aus, da einfach mal ein paar Macken ab sein können oder sie sich die Mähne gemeinsam schubbern. Aber die Vorteile überragen definitiv!

Leo hatte immer Probleme mit dicken Beinen und konnte sich durch das Shivering nach langem Stehen in der Auslaufboxe anfangs ganz schlecht bewegen. Er brauchte immer «Einlaufzeit». Jetzt hat er das nicht mehr, weil er bewegt sich sozusagen rund um die Uhr, genau so viel wie er möchte. Die Beine sind dadurch auch überhaupt nicht mehr dick und die Galle ist komplett weg.

Mein ganzes Pferd ist im Allgemeinen zufriedener, wacher und gesünder! Für mich steht deshalb fest: Kann ich es irgendwie verhindern, wird mein Pferd nie mehr in einer Boxe untergebracht. Ausnahmen bilden da natürlich Kurse, Turniere oder Krankheiten. Aber sein normales Zuhause soll wenn möglich immer ein Offenstall bleiben.

Mein allergrösstets Problem, was diesen Punkt angeht, ist momentan, dass wir am Stall gar keine Infrastruktur haben. Mit etwas Glück ändert sich das jedoch bis Ende Jahr und eine Halle wird gebaut. Das ist jedoch noch nicht fix. Doch ich hoffe das Beste, denn ich würde ihn so so gerne dort eingestellt lassen. Mal gucken ob ich es schaffe, gute Trainingsmöglichkeiten und faire Haltung zu verbinden. Ich werde mir Mühe geben! 😊